in memoriam

Gisela Strasburger und Gerburg RüsingGisela Strasburger

Es ist schon berührend, dass nach Betty Hauger und Margarethe Gorenflos nun auch Gisela gestorben ist und wir zum zweiten Mal in diesem Jahr an das Stück „methusalems Reisen“ erinnert werden.

Betty Hauger, unsere älteste Mitspielerin, wurde auf der Bühne von Renate Gimmi in ihren Theatertod begleitet mit den Worten: „Das hast du schon lange gewollt. Wir bleiben zusammen. Fast jede Zimmerpflanze war mal ein Mensch. Hast du das gewusst? Jetzt gehen wir schlafen und morgen früh schauen wir nach deinen neuen Blättern“.

Gisela wiederum hatte Ingrid und mir vor Jahren eine Mispel geschenkt, eine südliche Pflanze, die wir immer wieder halb erfroren, halb vertrocknet, vor dem Untergang retten mussten. Als sie jetzt endlich prächtig gedieh in unserem burgundischen Garten, haben wir Gisela zu ihrem 85. Geburtstag ein Foto mitgebracht und ihr gestanden, dass das Bäumchen bei uns nur Gisela heiße. Sie war überrascht und glücklich, und schrieb uns, dass sie nie vermutet habe, die Pflanze sei noch am Leben.

Und nicht vergessen werden wir, wie wunderbar Gisela Geige spielte in der Szene „Die Geige“. Ihre Figur darin – von der Demenz gezeichnet – sollte ins Heim gebracht werden, wähnte sich aber auf dem Weg zur Mutter. Für sie wollte sie noch schnell ein Geburtstagsständchen üben, musste  aber abbrechen: „Ich habs vergessen. Ich weiß nicht weiter.“ Und auf die Frage ihrer Partnerin, wie alt denn die Mutter sei, antwortete sie „85, ich glaube sie wird 85“.

Diese Zahlenmagie Gisela, hätte Dir gefallen.

Nachruf von Ingrid Israel und Helmut Grieser, Freiburg, Dezember 2014


Margarethe GorenflosMargarethe Gorenflos
Geboren 1928. Gestorben im Oktober 2014.

Margarethe Gorenflos beeindruckte uns in Gesprächen wie in ihren Rollen auf der Bühne durch ihre nachdenkliche Würde und ihre freundlich zugewandte Güte. Sie, deren Leben sich nicht immer einfach gestaltet hatte, fühlte sich in der Gruppe der „methusalems“ sichtlich wohl. Hier konnte sie – ernst und launig zugleich – von sich selbst, von ihrer Erfahrung als Religionslehrerin und Klinikpfarrerin sprechen, von tiefgehenden  Gesprächen mit ihren Kindern und Enkeln und deren Eigenschaften berichten und selbst theologische Diskussionen führen.

Mit ihrer Ich-Kraft hatte sie sich einen lebensvollen Platz in dieser Gemeinschaft geschaffen. Sie starb mit 86 Jahren im Oktober 2014.

In ihren Rollen – unvergesslich, wie sie in „Wir sind nur vorübergehend hier“ immer wieder völlig gelassen in langem Nachthemd langsam die Bühne querte – wirkte sie immer, als ob sie eigenen Gedanken Ausdruck verleihe. So auch in der folgenden Dialogszene mit Gerburg Rüsing aus „Methusalems Reisen“ (2004).

Die Pankreas (das Wartezimmer)

Margarethe:
Heute dauert’s aber lange . . . Ich hatte eine Bekannte: Erst stirbt er, ein halbes Jahr später war sie tot. Die Lebenserwartung ist auch eine Spezialistenfrage . . .

Gerburg:
Dann sind Sie ja hier richtig, beim dümmsten Spezialisten, den es gibt. Diesen Doktor will ich quälen, bis er einknickt, kapituliert. Bis er zugibt, dass er nichts kann, der Herr Spezialist! Dann bin ich gesund, dann kann ich in Ruhe ans Sterben denken.

Margarethe:
Ans Sterben denken?. . . Heute dauert’s aber . . . Auf uns Alte nimmt man eben keine Rücksicht mehr. Wo zwickt’s denn bei Ihnen?

Gerburg:
Bei mir ist es die Pankreas.

Margarethe:
Ja, wir haben alle was . . .

Gerburg:
Hier sind die Schmerzen, hier. Fassen Sie hierhin.

Margarethe:
Ihr Herz klopft ja bis in den Bauch hinunter . . . Alle sind weg . . . Hören Sie doch, Klarinettenspiel!

Gerburg:
Ich höre nichts.

Margarethe:
Wir sollten viel mehr an Wunder glauben . . . Das Leben, sagt der Derwisch, ist eine Reise.

Gerburg:
Ja – jetzt höre ich sie auch, die Musik. Ich höre sie.

 


Betty Hauger
Geboren am 5. März 1912. Gestorben am 5. Mai 2011.

Mit selbstverständlicher Gelassenheit und anrührendem Charme stand sie noch in hohem Alter auf der Bühne: Betty Hauger, geboren am 5. März 1912, die nun mit fast hundert Jahren die Bühne des Lebens verließ.

Eine Frau, die es gewiss nicht immer leicht in ihrem Leben hatte. Ihr Mann fand den Tod im Russland-Feldzug des Zweiten Weltkrieges, ihr Tochter zog sie alleine groß. Stolz war sie, es geschafft zu haben, ein eigenes Haus zu erwerben, dass ihr bis zuletzt auch Heimstatt war.

Als Gründungsmitglied der „methusalems“ spielte sie bei ihrem ersten Auftritt der Truppe 2002 – da war sie 90 Jahre alt – in „Jenseits von Gut und Böse“ ganz anrührend auf der Geige. Denn die ausgesprochen musikalische Frau hatte zeitlebens gerne gesungen und Musik gemacht, auch mit anderen wie etwa dem „Salonorchester“.

Gesellig, geistreich, heiter und immer zu einem Spaß bereit, ohne ihre Contenance zu verlieren – so beschreiben sie die Kolleginnen und Kollegen, die ihr gerne bei ihren Auftritten assistierten. Für sie hatte Helmut Grieser als Regisseur und künstlerischer Leiter der „methusalems“ sogar eigens Rollen erfunden, die in den Originaltexten von Stücken gar nicht vorgesehen sind – wie die in „Arsen und Spitzenhäubchen“, ihrem letzten Auftritt: Da spielte sie eine Zimmer suchende alte Dame in Begleitung eines Heilsarmeeoffiziers, die von den beiden Mords-Ladies aber abgewiesen wurde.

Auch als sie nicht mehr im Theater auftreten konnte, kümmerten sich immer wieder Mitglieder des Ensembles der „methusalems“ um sie. Betty Hauger ist nun in den frühen Morgenstunden des 5. Mai 2011 gestorben.

In „Jenseits von Gut und Böse“ hatte sie ein Gedicht der 14 Jahre jüngeren Elisabeth Borchers gelesen. Ein Gedicht, das sehr gut zu ihr passte:

Der Augenblick
verweilt
wie lang
das Schwarz wird licht
die neue Jahreszeit
die Jahre gehen
siehst du denn nicht, sie sterben
alle.

Der Augenblick ist schon vorüber,
ein Menschenalter
goldne Zeit.
Ich übe Disziplin
und leugne jeden Schmerz.
Du weißt, wovon ich rede.


Hans Martin Marstaller

Geboren am 5. November 1936. Gestorben am 31.07.2010.

Die Luft an diesem Nachmittag steht still: ein Sommertag, fast schon herbstlich. Schweigend gehen Männer, Frauen, ältere und jüngere, Kinder auch, auf das Portal einer Kirche zu. Mitten in den Theaterferien war es passiert: Am 31. Juli 2010 starb Hans-Martin Marstaller völlig unvermittelt. Im Kreis einer Gruppe, die ein Wohnprojekt im Umland der Stadt plant – mit jungen Familien, alten Paaren, Alleinstehenden, Menschen jeden Alters, unterschiedlicher Herkunft, Erwerbstätige und Ruheständler. Er war einer von ihnen.

Gut Hundert sind zur Trauerfeier gekommen: ältere Geschwister, Töchter, Pflegetochter, Enkelkinder, zwei ehemalige Ehefrauen, Schulkameraden, die Gründerinnen und Gründer der Wohngruppe, Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde, in der der ehemalige Pfarrer und Sozialarbeiter eine Glaubensheimat gefunden hatte, der Musik- und Tanzkreis. Und natürlich die „methusalems“, die zum ersten Mal in ihrer zehnjährigen Geschichte einen der ihren zu betrauern hatten.

Viele der Trauernden erzählten den Anwesenden, was sie Unvergessliches in ihrer Jugend oder auch in späteren Zeiten mit dem Verstorbenen erlebt hatten. Von seiner Liebe zu Menschen und Tieren, seiner therapeutischen Arbeit mit Behinderten. Seiner Offenheit für alles Neue im Leben. Von guten und schlechten Zeiten. Von der Sorge um ihn und den Freuden in seiner Gesellschaft. Und andere – erst vor ein paar Jahren war der 74jährige vom Schwäbischen nach Freiburg gezogen – erfuhren erst hier von den immer wieder verschlungenen Pfaden auf denen der ruhige, fast scheu wirkenden Mannes auf seiner lebenslangen Suche nach der Erfahrung eines lebendigen Gottes unterwegs gewesen ist. Auch im Theaterspiel.