Alles nur Fassade?

Das Theater Freiburg und das 2025 eröffnete Dokumentationszentrum Nationalsozialismus (DZNS) tauchen in einer künstlerischen Erforschung der Stadt nach dem, was in der Vergangenheit verborgen wurde – und noch immer verborgen ist. „Eine stadtraumgreifende Enthüllungsgeschichte“ soll es werden.

Mittendrin die “methusalems“, die wochenlang täglich dafür geprobt haben. Seite an Seite mit vier professionellen Schauspieler*innen des Theaters – Jana Baldovino, Victor Calero, Nadine Geyersbach, Kei Muramoto – entsteht eine performative Begehung des Stadtraums zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Regisseurin Caroline Anne Kapp geht es um verdrängte Geschichten, ausradierte Bilder, ausgelöschte Leben.

Ausgangspunkt der Recherche ist das während der Umbauarbeiten des ehemaligen Verkehrsamts für das DZNS hinter einer Wand entdeckte Gemälde einer Badeidylle mit jungen, gesunden „arischen“ Körpern, entstanden zwischen 1936 und 1939, typisch für im Nationalsozialismus erwünschte Kunst.

Die Route von „FASSADE“ führt vom Theater Freiburg über den Platz der alten Synagoge zum Dokumentationszentrum Nationalsozialismus und endet im Colombipark.
Weitere Informationen und Tickets über https://theater.freiburg.de/de_DE/programm/fassade.1378684

Die Uraufführung am Freitag, 19. Juni, 17:45 Uhr ist schon ausverkauft.
Weitere Termine (Stadtbegehung vom Theater aus):
– im Juni:
Mittwoch, 24., 17:45 Uhr / Sonntag 28., 15:45 Uhr
– im Juli:
Mittwoch, 1., 17:45 Uhr / Samstag, 11. 15:45 Uhr / Donnerstag, 16., 17:45 Uhr


Kritik in der Badischen Zeitung vom 22.06.2026:

„Fassade“ am Theater Freiburg soll die Spuren der NS-Zeit entdecken – das gelingt nur bedingt 

„Fassade“ lautet das „erinnerungspolitische Rechercheprojekt“ des Freiburger Theaters. Die Inszenierung erinnert aber eher an eine Stadtführung mit NS-Schwerpunkt. 

Marion Klötzer, Badische Zeitung,  22. 6. 2026 

 
„Fassade“ am Theater Freiburg  | Foto: Philip Frowein/Theater Freiburg
„Fassade“ am Theater Freiburg Foto: Philip Frowein/Theater Freiburg

Es ist der Sommer 1933. Vor wenigen Monaten wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt– seitdem ist viel passiert. „Sehen Sie diese imposante Fassade? Das Ensemble wurde ausgetauscht, auf Anordnung des neuen Deutschen Reiches spielt man hier gerade Lohengrin und Rheingold …“, erzählt Schauspielerin Nadine Geyersbach vor der Theaterfront, das Publikum trägt Headset und folgt etwas angestrengt ihren historischen Ausführungen zu Wirtschaftskrise und nationaler Demütigung, denn es ist heiß und drumherum tobt Sommertrubel.

 

„Fassade“, so der Titel des „erinnerungspolitischen Rechercheprojekts“ in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum Nationalsozialismus Freiburg (Konzept und Regie: Caroline Anne Kapp). Das Ziel: Hinter den Fassaden von heute die Spuren der NS-Zeit samt ihrer Nachkriegskontinuität entdecken. Neben vier Ensemble-Mitgliedern in wildem Kostümmix aus Wagneroper und 30er-Mode (Carla Renée Loose) sind auch sieben Aktive der Seniorengruppe Methusalems dabei – bis die allerdings zu sehen sind, wird es eine ganze Weile dauern.

Erstmal gibt es einen Stationen-Rundgang im Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Noch ein kurzer Schwenk zu Victor Calero, der auf dem Balkon zum Kammertheater über Martin Heidegger spricht: Der ist gerade Rektor der Uni Freiburg geworden und dabei die akademischen Gremien zu zerschlagen, über dem Hauptportal des Kollegiengebäudes I prangt wenig später in goldenen Lettern die Inschrift „Dem ewigen Deutschtum“. Dann ziehen die Zeitreisenden auf ihrem Parcours weiter Richtung Platz der Alten Synagoge, wo man den fiktiven Schabbat-Gebeten und Gesängen lauscht.

Stadtführung mit NS-Schwerpunkt

Ein paar Sätze zum Synagogenbrand und der Freiburger Massen-Deportation 1940 nach Gurs – weiter geht’s zum ehemaligen Verkehrsamt, das für ein nervenstarkes Volk mit Erholung an der deutschen, frischen Luft wirbt. Kraft durch Freude-Propaganda … Das ist bis dahin für Freiburg-Gäste und weniger Geschichtskompetente fraglos interessant, in der Präsentation aber nicht eben originell: Keine theatralen Elemente, überraschenden Bezüge oder Perspektivwechsel – eine Stadtführung mit NS-Schwerpunkt eben, deren Chronologie bisweilen holpert. Doch nun teilt sich die Gruppe und während die einen noch Geyersbach und ihrer Tourismus-Poesie aus einer Originalbroschüre lauschen, werden die anderen von Jana Baldovino vor das erst 2023 wieder freigelegte Wandgemälde ins Foyer geführt. „Machen Sie sich ein Bild. Was sehen Sie?“, so ihre Aufforderung. Der Frauenakt mit Apfel vor der Brust, der stolze Reiter, die beiden Männer mit Boot – Figur für Figur dieser arischen Badegesellschaft stellt Baldovino nach, bis es dann wieder im Kollektiv in den Park des Colombischlösschens geht.

 

Vor meterhohen Spiegeln und Paravents setzen die Methusalems nun mit Geyersbach, Calero, Baldovino und Kei Muramoto das Wandgemälde als lebendiges Tabeau Vivante mit vielen Tanzelementen in Szene, dazu gibts sphärische Loungemusik (Florian Timur Wulff). Was das alles mit der griechischen Mythologie zu tun hat, wird dann Stück für Stück dekonstruiert und mit der Ikonografie des Dritten Reichs verknüpft. Eine detaillierte Kunstanalyse – bis hin zum Schönheitsideal eines Erich Lexer, Zwangssterilisation und Euthanasie. Das ist interessant! Dabei sah Kammereres Vorskizze ganz anders aus, doch die war Oberbürgermeister Franz Kerber nicht arisch genug: Gesünder, jünger, weißer sollten die Figuren sein. Zitate von Friedrich Merz zum Stadtbild und Björn Höcke dürfen da nicht fehlen…

Flugs werden alle aus dem Tableau Vivante entfernt, die nicht passen. Es bleibt nicht viel, nur eine Dystopie. Statements und Interviewausschnitte der Methusalems verstärken die Dringlichkeit und den Appell für Menschlichkeit und Diversität. Dieser letzte, beste Teil ist dann auch Kern- und Angelpunkt der Inszenierung, die insgesamt doch eher schwach ist: zu viele Plattitüden, zu wenig kreativer Transfer.


Kritik in der taz vom 22.06.2026

Wir baden doch nur am See!

Das Freiburger Theater geht den Spuren der braunen Stadtvergangenheit nach. „Fassade“ ist eine Mischung aus Audiowalk, Performance und Installation

Ein Bild, das hervorragend in die Freiburg-Idylle passt: Menschen am Titisee mit Blick auf den Feldberg. Doch der Schein trügt. Spätestens wenn man genauer auf den Stil achtet und sich die Geschichte des Gemäldes von Theodor Kammerer aus dem Jahr 1939 vergegenwärtigt, offenbart sich der Schrecken dahinter. Es zeigt ein ‚arisches‘ Arkadien, angereichert mit zahlreichen propagandistischen Codes.

Erst 2023 hinter einer Gipswand wiederentdeckt, befindet es sich heute – teilverdeckt – im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus, dem früheren Verkehrsamt im Hitler-Faschismus. Ein beeindruckender Stoff also, um in einer Epoche wiedererstarkender totalitärer Umtriebe und rechtspopulistischer Geschichtsklitterungen die Wichtigkeit von Erinnerungskultur zu betonen. So die Idee des Theaters Freiburg, das in einer Mischung aus Audiowalk, Performance und Installation den häufig verdeckten Spuren des Nationalsozialismus in der Stadt folgt.

Nachdem man zunächst gegenüber des Bühnenhauses zum Platz der Alten Synagoge gelangt, dessen Leere als Mahnmal wirkt, geleiten einen die Mitglieder des Ensembles und der Seniorentheatergruppe „die methusalems“ zum Dokumentationszentrum und schließlich zum gotischen Colombischlössle.

Dort fand 1933 die Freiburger Bauausstellung statt, die die Vision einer regimetreuen Architektur und Kultur entwarf. Bei Weitem nicht die einzige, allgemein wenig bekannte Altlast dieser Zeit. Über den an einem Universitätsgebäude (wenn auch nicht mehr in Gold) prangenden Schriftzug „Dem ewigen Deutschtum“ hinaus verblüfft zudem die Präsenz des NS-Schönheitschirurgen Erich Lexer. Ihn, der sich für tausendfache Zwangssterilisationen und die menschenverachtenden Erbgutgesetze im Dritten Reich mitverantwortlich zeichnete, führt eine örtliche Klinik noch immer im Namen.

Was als informative, an Projekte von Rimini Protokoll erinnernde Produktion beginnt, erhält seine Tiefe, als die Spie­le­r:in­nen in Caroline Anne Kapps „Fassade“ das besagte Wandbild seiner Badeszene nicht nur nachstellen, sondern analysieren. Im Colombi-Park blicken wir auf eine Brunnenanlage, ein Pferdegemälde und diverse Spiegel, die signalisieren, dass es bei der historischen Revue ebenfalls um unser gefährdetes Gemeinwesen geht.

Und zwar im Lichte einer antiken Sage. Das faschistische Werk nimmt nämlich Bezug auf das Urteil des Paris. Wie er hält auf dem Gemälde ein im Vordergrund sitzender Mann einen Apfel in der Hand. Er soll entscheiden, wer von Hera, Athene und Aphrodite die schönste sei.

 

Dass dessen Spruch in letzter Konsequenz zum Trojanischen Krieg führte, dürfte bei diesem Thema kein Zufall sein. Genauso wenig wie das krude Männlichkeitsverständnis, das die Dar­stel­le­r:in­nen nun in Rede, Mimik und Gestik auseinandernehmen. Ein Fischer auf der linken Seite bildet den Ernährer, ein Pferdebesitzer auf der rechten den Herrscher über die Frau ab, alles hübsch verkleidet als ein netter Nachmittag vor der unschuldigen Naturkulisse.

Der wohl stärkste Kniff der Regie: Auf Geheiß des damaligen Stadtvorstandes sollte das Gemälde faschistischer werden, will heißen: gesünder, jünger und weißer. Mit jedem dieser erwähnten Attribute verlassen nun die Ensemblemitglieder – in ihrer generationsübergreifenden und multiethnischen Zusammensetzung eine Manifestation von Diversität – nach und nach die Szene, bis niemand mehr übrig bleibt.

Am Schluss lesen sie sodann noch dem Publikum auf der Wiese Zitaten von Björn Höcke sowie Friedrich Merz’ Einlassung zum Stadtbild vor. Die so häufig erwähnte Brandmauer gegen rechts, sie scheint inzwischen ein kleines, für manche sogar behaglich erscheinendes Lagerfeuer geworden zu sein, so die Botschaft dieser ergreifenden, noch lange nachwirkenden Inszenierung.